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BERICHT: Tour Transalp 2010

transalp2010_5Eine Woche in den Alpen ... von und mit Norbert Seewald

Samstag, Anreise

Nach insgesamt 1000 Kilometer Anreise über Mühlhausen sind wir gut angekommen. Peter ist unser Betreuer, schön, daß er da ist. Wie wir später feststellen werden, war das eine super Hilfe: Peter organisiert Hotels, Anfahrten, Gepäck etc. – und wir müssen und nur aufs Fahren konzentrieren. Danke Peter, das war wirklich klasse!

 

Sonntag, 1. Etappe

Ganz vorn in Block A haben wir uns eingereiht, vor allem aus Angst vor dem Kuddelmuddel im flachen Startstück. Gleich zu Beginn 10%, da müssen wir mit rüber, um dann schön bis km 40 mitrollen zu können in der großen Gruppe. Bis zum Kühtai rollt es richtig schön, und dann kam das, wovor ich mich eigentlich gefürchtet habe: Daß die Berge kommen. Bergauf hatte ich zu knabbern, obwohl ich die Handbremse leicht angezogen hatte, weil uns 7 schwere Tage bevorstehen. Eigentlich steht auch nicht unbedingt uns beiden eine schwere Woche bevor, sondern wohl eher nur mir.

Nino geht es ganz gut, mir während der Tour nicht so... Und so langsam frag ich mich, warum ich es immer so geschickt einfädele, daß ich mich auf der Rundstrecke von Gunnar, Mike und Daniel, in den Bergen von Stefan und Nino (um nur die von meinem Team zu nennen), und im Cycling Cup allen voran von Reuse und Sandro fertigmachen lasse. Irgendwas läuft hier grundlegend falsch, und ich frage mich, warum eigentlich immer ich auf die Schnauze kriegen muß. Aber die Erkenntnis wird schon noch kommen, da bin ich mir sicher. Die Pastaparty war dann das erste Schöne, was ich heute erleben konnte: Gleichzeitig lief Fußball – 4 zu 1 gegen England. Morgen steht auch was auf dem Programm, aber ich verdränge es aktiv.

 

Montag, 2. Etappe

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Ich hätt es gar nicht verdrängen müssen, denn es war gar nicht so schlimm wie vermutet. Es ging zügig los, und nach den ersten Buckeln der erste Berg. Immer schön nach SRM gefahren, an den Bergen immer die richtige Belastung gefunden – und hab mich auch nicht nervös machen lassen von den Heerschaaren, die an mir vorbeigezogen sind, scheinbar mühelos. Und siehe da: Die hatten wir fast alle wieder. Nino „Die Spinne“ Ackermann zieht und schiebt den fetten Kerl die Berge hoch, das war 1A. Und dann sagte Sven von Strassacker am Beginn vom Timmelsjoch, bevor er das Tempo anzog: „Das hier ist dafür, wenn Du in der Ebene wieder mit 60 mit der Scheibe fährst“ – und ich akzeptierte die schon lange fällige Strafe ohne mich zu beschweren. Das letzte Stück war flach, und das Team Casutt Velos / Felt wollte mit – kapott jemacht!!! Mensch, endlich was, was ich auch kann, das tat richtig gut.

Auf den Abfahrten hatte ich einen Vorteil, der meine leichte Schwäche am Berg zwar nicht kompensiert, aber uns wieder an Gruppen ranbringt: Ich hatte die Angst vor dem Tod hinter mir gelassen, und war bereit, dem Sensemann ins Auge zu schauen. Leider griff der Sensemann nach meinem Teamkollegen und Hilfsmotor Nino, der stürzte in einer Serpentine, 100 Meter vor Ziel... Bitter. Es ist zwar nur Haut ab, aber davon recht viel.

Auch heute hab ich es – glaube ich – nicht überzogen, morgen kann kommen. Ich habe ja Hilfsmotor.

 

transalp2010_2Dienstag, 3. Etappe

Was schön und enthusiastisch beginnt, endet meistens nicht so erfolgreich, wie man sich das hätte wünschen können – so auch hier. Nach einem zügigen ersten Paß hatte ich nicht nur einen Platten bei einem hügeligen Zwischenstück auf engen Wegen, sondern habe es dabei wohl überzogen: Am zweiten und letzten großen Paß ging mir dann die Luft aus. Hilfsmotor auch noch ausgefallen, um das Drama noch perfekt zu machen. Konnte nicht richtig gucken, kriegte keine Luft, konnte nicht trinken, konnte nicht sprechen, wollte einfach heim. Ich komme mir vor, wie von der Dampfwalze überrollt. Morgen ist Königsetappe, und ich fühle mich eher wie ein Lump. Und mein Laufrad ist von der Aktion mit dem Platten hin.

 

Mittwoch, 4. Etappe

transalp2010_3Anscheinend zieht sich das wie ein roter Faden durch das Radfahren: Umso besser ich mich fühle, desto mieser wird es, und umso mieser ich mich vorher fühle und um so schlimmer die Erwartungen, desto besser wird es. So auch heute: Die 5 Pässe alle ganz streng nach Leistungsbereichen/SRM hoch, und alles war kein Problem: Gleiche Plazierung wie gestern – und gestern habe ich mir wirklich die Lampen ausgeknipst. Hinterher und währenddessen ging es mir super, und das Beste kam zum Schluß: Die letzten 5 km waren flach, eine Gruppe von etwa 7 Fahrern fuhr an mich heran, das Kreiseln klappe wieder einmal nicht, weil wieder mal plötzlich keiner mehr konnte – und da sah ich schon die Chance auf einen erfolgreichen Abschluß der Etappe. Am Ortsschild, etwa 1 km vor Ziel ordentlich angetreten und mit Schwung vorbei, keiner hinterher... und auf die Gruppe noch ein paar Sekunden rausgefahren. Und nicht 24., sondern 21. geworden. Sauber, wenigstens das Ego gerettet.

 

Donnerstag, 5. Etappe

Heut war ein guter Tag. Es ging neutralisiert los, und im ersten Berg wollen es alle gleich wissen, vornweg die guten Bekannten von Strassacker. Ich hing mich schön an Günter Hölliges Hinterrad, denn das ist ein gutes. 3 Berge waren zu fahren, bei der Abfahrt vom 2. hab ich Tempo gemacht und gleich in den 3. Berg als erster rein. Dort von Anfang an wieder Tempo, daß es hinter mir eine Lücke von etwa 300 Metern gab. Da der Weg ins Ziel noch zu weit und flach war nach dem 3. Berg habe ich mich an der Kuppe einholen lassen – und hoffte, daß sich die anderen etwas müde gefahren haben. In der Abfahrt dann erneut Druck... und dann war es schließlich nach der 3. Attacke so weit: 2 Mann alleine in der Ebene, etwa 15 Kilometer noch. 1 km vor Ziel schließt ein Lightweight-Fahrer auf, und ich kann es nicht lassen und muß Stärke zeigen: Vorne reingesetzt, und den Sprint von vorne angefahren – und kapottjemacht!! Herrlich!

 

Freitag, 6. Etappe

transalp2010_4Wenn man glaubt, es könne kaum mehr besser werden – auch dann kann man sich irren. Heute ging es ca. 10 km neutralisiert los, dann insgesamt 2500 Höhenmeter hoch, mit einer kleinen Unterbrechung zwischendrin. Vom Start weg hat Nino ein derartiges Tempo vorgelegt, daß wir nicht nur direkte Konkurrenz-Teams, sondern sogar auch Baier-Corratec haben stehen lassen, und letztere an der 18%-Rampe, die etwa 1,5 km ging. Im letzten Drittel dachte ich, ich muß sterben... und dank Nino und seinem Wasser und seinen Motivationskünsten („komm fahr!!!“) habe ich es dann doch bis hoch geschafft. Und eigentlich dachte ich mir die letzten 300 Höhenmeter, daß wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre das dieser: Daß ich das alles vergessen würde.

Einen herzlichen Dank an das Strassacker-Betreuungsteam, das uns mit Wasser am Straßenrand versorgt hat! In der Abfahrt konnte ich dann kaum das Rad gerade halten. Etwas später war ich wieder einigermaßen erholt, aber wegfahren konnte ich nicht, vor allem, weil noch 500 Höhenmeter bevorstanden. Hier war dann Schläue gefragt: Ich schickte Nino am letzten Hügel weg. Im etwa 20 Mann starken Feld funktionierte die Zusammenarbeit sowieso nicht so richtig, aber ich sorgte dazu noch dafür, daß die schwächsten Fahrer entweder nach vorne in die Führung mußten – oder daß sie von ihren stärkeren Partnern getrennt wurden und abreißen lassen mußten. Also kam Nino mit zwei Mann gut weg, und wenn ich den Sprint gewinnen würde, dann wärene unser Team das erste der Gruppe. Als ich das 300-Meter-Schild sah, trat ich ordentlich rein und fuhr mit einigem Abstand als erster über die Linie. Resultat: Erster der Gruppe, denn erst der zweite Fahrer des Zweierteams zählt für die Zeitnahme. Bääm! Auf morgen freue ich mich, da gibt es Krieg!

Und noch eins: Ein paar Freunde warnten mich schon vor italienischen Hotels, die würden von Deutschland über Österreich nach Italien immer schlechter und unfreundlicher, und so ist es auch. Die haben hier alle einen an der Klatsche, aber dafür verwüste ich morgen früh das Hotelzimmer.

 

Samstag, Schlußetappe

Was erwartet man von einer Schlußetappe? Sicherlich etwas von allem: einen Gewaltakt, ein schönes Ausrollen, ein bißchen Genießen, und ein letztes Mal zeigen, was man so kann.

Und irgendwie war auch in der Tat alles dabei: Die ersten 1450 Höhenmeter am Stück taten weh, vor allem, weil ich an den vergangenen Tagen nicht unbedingt Kräfte gespart hatte. Wie oft ich „Ninooo! Langsam!!“ oder „Ninooo! Nicht Tempo machen!“ sagen mußte, weiß ich nicht mehr. Auf der Abfahrt fuhren wir das Loch zur Verfolgergruppe zu – vor uns nur noch die ersten Drei Paare. Nachdem ich Michael Rinke (Team Lightweight, bekannt aus dem Cycling Cup bei Team Univega) erst einmal demonstrieren mußte, was ein Bergmops so kann, verlief eine Attacke von Nino und mir ins Nichts, weil niemand mit wollte, und für alleine hatten wir keine Kraft. Und so hieß es dann lediglich Stärke zeigen und wieder einholen lassen. Am Ende wurde es nochmal schnell – und die letzten 3 Kilometer rollten wir nach der Zeitnahme ins Ziel in Arco, und zumindest ich ganz schön stolz als 7. der Tageswertung.

Wer will nun einen elfenartigen Bergfahrerkörper sehen? Dann beeilt Euch und schaut mich an, denn gleich wird er wieder eingepackt, und vielleicht zur Tour Transalp 2011 wieder rausgeholt!

Sonntag

Am Samstagabend fiel zunächst die Siegerehrung ins Wasser, denn es goß wie aus Kübeln. Mit Steffi Kaatz, die mit unserer Lena Baisch startete, begann eine kurze Kneipentour, die dann mit den Lightweight-Fahrern in einen richtig schönen Morgen mündete, mit ungezählten Cocktails, und einem üblen Befinden, welches mich erst heute gegen 16:00 verließ.

Und im Transporter auf dem Weg nach Hause denke ich mir, was das für eine kurze Woche war, wie schnell sie vorbei war, und wie schnell sich Höhen und Tiefen abwechseln können.

Bevor ich das ganze hier noch einmal querlese, stelle ich fest, daß das Aufschreiben eine sehr gute Idee war: An vieles, was ich geschrieben habe, erinnere ich mich nicht mehr. Nicht mehr an über die Hälfte der Hotels, der Etappenorte, der Strecken, der Starts, und der Zieleinfahrten. Aber schön wars doch, das weiß ich noch!