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BERICHT: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste...

Geschrieben von: Holger Kremers.

vc... und der böse Gegenspieler von "Ganz weit vorne fahren"

Will heißen: Vorausschauende Fahrweise und Rücksicht auf die Mitfahrer im Feld haben mich vermutlich das Erreichen des von mir gesteckten Ziels gekostet, aber dafür die Gesundheit gerettet! Aber fangen wir vorne an:

CYCLASSICS 2010 IN HAMBURG

Die Cyclassics in Hamburg sind eigentlich mein Saison-Höhepunkt. Und nachdem ich bei meiner letzten Teilnahme im Jahr 2008 bereits auf Platz 64 von ca. 5.000 Startern auf der 155km langen Strecke gefahren war, hatte ich mir für dieses Jahr einen Platz unter den ersten 25 des Feldes vorgenommen.

Und nach einen netten Freitag-Abend und einem erholsamen Samstag in HH-City ging es dann am Sonntag um 8.00 auf die 155km rund um und mitten durch Hamburg.

Und direkt vom Start weg ging es los: absolut rücksichtsloses fahren, völlig unsportliches Verhalten von einen unglaublich grossen Anteil von Fahrern machten das grosse Feld des A-Blocks extrem gefährlich. Fahrer, die auf den Bürgersteigen und Fahrradwegen überholten und dann von der Seite ins Feld stießen, rechts und links überholen mit Körperkontakt (weil eigentlich kein Platz ist).... und das schon zu Beginn eines 155km langen Rennens!

Immer wieder Bremsen bis zum völligen Stillstand, häufige Stürze und Verletzte am Rand... unglaublich!! Hier wurde ganz bewusst in Kauf genommen, dass die Gesundheit der Mitfahrer geschädigt wird und das nenne ich asozial! Denn diese "Radsportler" fuhren natürlich nicht nach vorne, um sich an der Führungsarbeit zu beteiligen sondern reihten sich in Reihe 5-8 ein... um dann Ihrerseits wieder von Anderen überholt zu werden und so lief das Spiel fortwährend die ersten 100km.

Teilweise fuhren ganze Felder von 50 Fahrern bei Sperrung einer Straßenseite aufgrund einer Engstelle im Verlauf in diesen gesperrten Bereich, überholten das Feld, um dann ohne Rücksicht auf Verluste sich an der Engstelle ins Feld zu drängen.

Bereits bei Kilometer 90, also 10km bevor die Fahrer der 100km-Strecke das Feld verlassen (diese fuhren mit dem 155km Feld zusammen), wurde es dann noch unruhiger. Im Hafen wollten es dann einige mal wieder besser wissen als der Veranstalter und fuhren anstatt auf der rechten Fahrbahnseite links... um dann zu merken, dass der Strassenverlauf Sie von der Strecke weg führte. Also versuchten diese "Spitzenradsportler" über die Fahrbahn-Trennung zu fahren, was sich bei einem ca 30cm hohen Bordstein doch etwas schwierig gestaltet! Besonders wenn man nicht bereits ist abzusteigen und noch 40 Andere diese Idee haben. Ergebnis: Wieder mehrere Einsätze für die Sanitäter. Und wieder grosse Gefahr für das Feld, da die, die den Sprung schafften selbstverständlich quer ins Feld reinschossen.

Hier hielt ich mich besonders zurück, nachdem ich auf den 100 Kilometern vorher versucht habe, mich im vorderen Drittel zu halten ohne meine Mitfahrer zu gefährden.

Erste Gruppe "verpennt"

Dann wurde es kurz vor der Trennung der Felder nochmal eng, ein Sturz, Stillstand des Feldes. Irgendwie kam ich dann vorbei und hinten dran. Aber nicht schnell genug, wie ich später feststellen musste. Vorbei am Hauptbahnhof ging es wieder raus aus Hamburg. Auf der Kennedybrücke bei freier Sicht nach vorne dann die Erkenntnis: Verdammt, da ist vorne eine Gruppe weg, fast 500 Meter und mindestens 40 Mann. (Das es ca. 100 gewesen sein müssen, wurde mir erst beim Ergebnis klar.)

Also musste in unserer Gruppe, ca 50 Mann stark, Nachführungsarbeit geleistet werden... was dann selbstverständlich nur von 5-6 Mann gemacht wurde. So war natürlich kein Rankommen, aber wenigstens wurde gesitteter gefahren.

Da ich nicht wusste, wie gross die Gruppe vor uns war und ich wenigstens noch unter die ersten 100 kommen wollte, musste ich mir was einfallen lassen um nicht von den Lutschern auf den letzten Kilometern überholt zu werden. Die ersten 100 werden in Hamburg nach Zieleinlauf gewertet, also für das kommende Jahr ein Platz in Block A wieder sicher, danach wird nur die Fahrzeit gewertet und wer weiß schon, wie schnell die Felder weiter hinten gefahren sind...

Ich konnte dann bei km 130 bei einer Folge mehrerer kurzer Anstiege mit 2 weiteren Fahrer vorne raus fahren und wir setzten uns gut 250 Meter ab. Aber dann machte sich bemerkbar, dass ich in diesem Jahr noch keine Strecke länger als 120km gefahren bin, nicht mal im Training... am steilsten Anstieg war auf einmal die Luft raus. Aber nicht nur bei mir, auch bei meinen Mitstreitern. Also langsam machen und das Feld kommen lassen.

Dann wieder reingehängt und vorne mitgefahren. 2km vor dem Ziel habe ich dann noch mal mein Glück versucht und kam gut weg. Wollte einen Sprint in der Masse vermeiden... aber was dann passierte, war Horror. Bei der Schussfahrt mit knapp 65km/h sah ich linker Hand schon die langsamen Fahrer der kurzen Strecke... erschöpft, teilweise total entspannt im RTF-Stil. Scheiße, wenn die jetzt auch auf der Zielgraden sind... und dann kamen wir um die Ecke, Beginn der Zielgraden auf der Mönkebergstrasse... hinter mir ein Feld wildgewordener Rennfahrer, vor mir ein Riesenhaufen ganz entspannter Radfahrer, die von dem Unheil in Ihrem Rücken noch nichts ahnten und sich über die ganze Breite der Fahrbahn verteilten... mit ungefähr 10km/h und teilweise die Augen über kreuz... LINKS FAHREN brüllte ich, aber niemand reagierte.

Zielsprint HORROR

Urkunde Holger Kremers Cyclassics 2010Also nahm ich instinktiv Druck raus, rechts und links schossen die ersten Fahrer an mir vorbei und dann... gab es einen unglaublichen Knall und viele Schmerzenschreie. 2cm vor einem am Boden liegenden Fahrer, der sich nur noch den Kopf hielt,kam ich zum stehen und zum Glück fuhr niemand in mich rein, so dass ich dann irgendwie dran vorbei kam und vorsichtig Richtung Ziel weiterfuhr.

Wie mir nachher berichtet wurde, wurden die gestürzten Fahrer später mit Vakuum-Wannen abtransportiert! Welch ein grausames Ende für diese Sportler.

Für mich sollte es dann am Ende nur für Platz 147 der Gesamtwertung und Platz 77 der Altersklasse reichen, eine Zeit von 3:51:26 und einem Schnitt von 40,72 km/h, aber auch damit ist der Startplatz in Block A für kommendes Jahr sicher...

Nachdem ich dann meinen Transponder abgegeben habe, was recht schnell ging obwohl ich die mobilen Transponder-Abgabestellen etwas vermisste, ging es dann noch zum "Alex" im Pavillon am Jungferstieg, um hier mit Freunden noch das eine oder andere Getränk zu vernichten und über das Rennen zu reden.

FAZIT

Eins ist mir in diesem Jahr klar geworden: In den letzten 4 Jahren sind die Rennen im Jedermann-Bereich immer rücksichtsloser und vor allem Hirnloser geworden. Einige Fahrer nehmen eine Gefährdung der anderen Fahrer nicht nur in Kauf, sie provozieren es bewusst. Welche Lösungen hier möglich sind... ehrlich... keine Ahnung. Bei Rennen bis 1500 Starter könnte man Kommissäre einsetzen, aber bei Rennen wie in Hamburg mit mehr als 20.000 Startern wohl kam möglich.

Für den Veranstalter UPSOLUT muss ich allerdings insgesamt eine Lanze brechen. Selbstverständlich gehört das Startgeld zu dieser Veranstaltung zum höchsten was die Branche zu bieten hat, aber nirgendwo findet man eine so gute Organisation. Das Abholen der Startunterlagen und Beutel ging ohne Verzögerung, kaum Warteschlangen oder Unklarheiten. Und das selbst für Fahrer, die mal wieder vergessen haben, sich die Anmeldebestätigung zur Abholung auszudrucken!

An vieles wurde auf der Strecken gedacht, nur hielten sich einige Fahrer nicht an diese Vorgaben. Und der Stop der kürzeren Strecken, um einen reibungslosen Sprint des ersten Feldes der 155km-Fahrer zu ermöglichen ist lobenswert, leider kommt es auch dahinter noch zum Sprint.

Die Startblock-Politik der Cyclassics ist hart, aber gerecht: Wer zum ersten mal startet, muss in einen hinteren Block. Reicht die gefahrene Zeit des Rennens aus, um unter die ersten 500 zu fahren, kommt man im folgenden Jahr in Block A...

Somit sind in Hamburg alle gleich, nicht einmal die Zeiten des Velothon in Berlin vom selben Veranstalter werden mit einbezogen.

Bei den Cyclassics sind alle gleich, bis Sie im Rennen gezeigt haben, was Sie können. Im Anbetracht der Riesenmenge an Startern sicherlich verständlich, dass hier nicht jede einzelne Meldung geprüft werden kann. Für den einzelnen guten Fahrer verständlicherweise ärgerlich, aber ich finde: Hart aber fair... keine Ausnahmen.

Mir reichte übrigens ein Start in Hamburg, um im kommenden  Jahr aus Block A zu starten:)

Nun die Frage aller Fragen

Auch nächstes Jahr wieder Cyclassics??? Ich denke JA.