Drucken
PDF

BERICHT: Der Floh im Wind

Skoda Time Trial Bremen, im Rahmen der Deutschland-Tour - ein persönlicher Bericht

logo_skoda_time_trialAm Freitag Nachmittag brachen Norbert und ich nach Bremen auf, wo wir den Skoda Time Trial, ein Zeitfahren im Rahmen der Deutschland-Tour, das auch zu der Jedermannserie der Deutschlandtour gehört, zu bestreiten. Als ich Norbert von diesem Zeitfahren berichtete und meinte, wir könnten so auch gleich ein schönes Wochenende bei einer seit kurzem in Bremen lebenden Freundin verbringen, war ich noch nicht davon ausgegangen, daß Norbert mich auch einfach anmelden würde. Tja, nun saß ich mit im Boot und mußte auch Rudern. Das war in diesem Jahr bereits das dritte Rennen, zu dem mein Freund mich einfach angemeldet hat, ohne mein Wissen.

Und wieder habe ich mitgemacht und es nicht bereut. Anscheinend brauche ich jemanden, der mir sagt, was zu tun ist.

Da ich niemals daran gedacht habe, mich bei Zeitfahren anzumelden, besitze ich dafür auch nicht das richtige Gerät. Holger Kremers lieh mir in liebenswürdiger Art und Weise seinen Zeitfahraufsatz und da mir unser Radon Teamtrikot eigentlich viel zu groß ist, entschloß ich mich, ein Sportunterhemd in T-Shirt-Form zu tragen.

Mein Freund wollte mir die Trainingslaufräder seines Triathlonrades leihen. Da ich mit dem Clip-on Aufsatz nicht den Lenker des Sponsorenrades von Radon zerkratzen wollte, mußte mein altes Colnago herhalten, das insgesamt auch etwas kürzer ist. Den Sattel hab ich auf Anschlag nach vorn bringen müssen, aber das sollte bei meinem Gewicht kein Problem darstellen. Ein wenig tiefer hätte die Haltung vorn sein können, aber da ich das nicht gewohnt bin, nahm ich davon Abstand. Und ein wenig kürzer hätte ich auch sitzen können, aber da ich keine nach vorn gekröpfte Sattelstütze besitze und ein kürzerer Vorbau mich auch nicht besser über die Pedale sondern eher Unruhe in die Steuerung gebracht hätte, nahm ich auch hiervon Abstand. Weiter war es mir auch nur zwei Mal möglich, das gute Stück so zu fahren. Trotzdem erstaunte mich, daß man doch auch durch so wenige Änderungen eindeutig flotter unterwegs ist. Ich fühlte mich schnell wohl in der Haltung.

Meine Motivation war eher auf „hinter sich bringen und ein schönes Wochenende haben“ eingestellt als wir uns in den stark bremsenden Verkehr in Richtung Bremen aufmachten. Zu unserer späten Ankunft erwartete uns schon ein ausgiebiges Nudelessen bei meiner Freundin - und dann die Frage von Norbert: „Wann geht es eigentlich morgen los?“ Martina und ich waren der Meinung um 11:00 Uhr, so steht es auf der Zeiteinteilung. Norbert geht auf Nummer sicher und ermittelt auf der Ausschreibung im Netz 8:00 Uhr. Streß! Was tun? Um 23:00 Uhr am Abend erreichen wir unter der Nummer der Hotline noch eine nette Dame die eigentlich für die Vattenfall Cyclasics zuständig ist. Die konnte aber auch nur darauf hinweisen das es wohl besser wäre um 8:00 Uhr da zu sein bevor man was verpaßt. Also schnell ins Bett und total verschlafen, erschöpft und mit Kopfschmerzen aufstehen. Vor der Messe steht am Morgen zwar schon die Startrampe, aber die Aussteller auf dem Gelände bauen noch in aller Seelenruhe auf. Die Akkreditierung hat auch noch geschlossen. Ich bestehe darauf sofort wieder zum Auto zu gehen um mich darin schlafen zu legen und erteile Norbert den Auftrag sich auch um meinen Kram in der Zwischenzeit zu kümmern (die Kassetten müssen noch getauscht werden). Ich schlafe wie ein Stein und nehme das Türenschlagen am Wagen kaum noch wahr. Eine Stimme teilt mir mit: „Ich muß kurz noch was Schönes besorgen.“

Ich frag: „Ist was kaputt?“ Ich höre „Nein, nein. Aber ich hole noch was Schönes.“ Ich denke bei mir: „Hast du einen kaffeeverückten Freund; aber du kannst auch einen vertragen.“ Sehr viel später, ich werde gerade langsam wach und denke bei mir, daß bestimmt schon viel Zeit vergangen ist, fragt mich jemand:

„Du wolltest doch bestimmt schon immer Zipp Laufräder testen?“

„Wie gibt es da einen Stand der das anbietet?“

„Nein, aber du willst doch bestimmt gerne welche fahren, heute?“

„Was ist? Ist der Freilauf kaputt?“

beschämt „Nein, aber ich habe nur das Hinterrad der Cosmics mit genommen, das Vorderrad ist noch daheim.“

Ich bin wach!

Es sah dann so aus: Eva bekommt ein Cosmic hinten und ein Zipp 808 vorne und startet in der ersten Startgruppe 11:00 – 11:14 Uhr. Das hatte Norbert alles geregelt und das war für die Organisation gar kein Problem. Weiter hatte er den Vorstand eines Triathlon-Vereines (TCB) ausfindig gemacht, der im noch ein Laufrad bringen wollte. Jetzt mußte alles ein wenig zügiger gehen. Startnummern dran, und das war gar nicht so einfach, die paßten nicht an, unter, zwischen den Lenkeraufsatz, und die Rückennummer will man ja auch nicht auf dem Rücken haben wo sie Wind fängt. Also die Rückennummer bei mir mehr und bei Norbert weniger auf den Hintern. Jetzt noch kurz an das Gerappel der Zipp gewöhnen. „Nein sie ist nicht kaputt. Nein es sind keine Speichen lose.“ Und verinnerlichen nicht vorn zu bremsen denn das gute Stück hat Carbonflanken und ich keine entsprechenden Bremsbeläge.

eva4

Meine Startgruppe hatte keine Zeitfahrräder oder Zeitaufsätze. Teilweise waren auch Treckingräder dabei. Eine Dame im Fitneßdress und Körbchen an den Pedalen fragte mich: „Fahren Sie ohne Jacke? Ich weiß noch nicht? Da sind ja gar keine Frauen dabei?“ Meine Aufregung war der Besorgnis über die Breite der Fahrbahn gewichen. Nun mit den Klickies eine Lochblech-Alutreppe hoch. Als mein Vordermann losfährt, stelle ich fest: „Die werden gar nicht festgehalten!“ Ich frage den Helfer, der anscheinend nur die Leute zur Rampe winkt: „Halten sie auch fest?“ der kriegt das garnicht mit und sagt nur „Gleich los!“ Ich nehme die Startuhr wahr, die 10sec. rückwärts zählt und schon bei 3 ist. Ich klicke ein und schubse mich auf die Rampe auf der ich dann erst meinen anderen Fuß ins Pedal bekomme.

Nun feste Antreten. Nach 20m sehe ich schon die Dame, die vor mir gestartet ist und mitten auf der Fahrbahn dahin trudelt. Ich bin normal nicht aggressiv, aber jetzt verschafte ich mir mit einem lauten: „Rechts fahren!“ Gehör, zumal ich erstaunlich schnell näher kam. Auf dem Weg zur Wümme komme ich an der Dame vorbei, die die Anzahl der Teilnehmerinnen so verwundert hat. Sie ruft mier noch: "Viel Glück!", hinterher.

Die Strecke war sehr gut abgesichert, und bei jedem Bauernhof an dem Damm zur Wümme stand jemand, der die Zuschauer sicherte. Das einzige Problem war der Wind. Zu Anfang war er von hinten gekommen, allerdings war in der dichtbewachsenen Parkallee nicht viel davon zu spüren gewesen, aber hier hatte ich den Eindruck, als würde mir willkürlich jemand gegen das Vorderrad treten. Essen und trinken war nur wohl überlegt und mit guter Lenkersicherung möglich.

Nun kam das Schild „noch 20 km“. Mir schoß durch den Kopf: „Das kann gar nicht sein!“ Team Columbia und Team Euskatel fuhren lansam zur Streckenbesichtigung in PKWs an mir vorbei. „Nun nur nicht aussehen, wie durch die Mangel gedreht!“

Dann der Richtungswechsel zur Autobahn. Der Wind kam direkt von vorn. „Wie waren noch die Tips von den Leuten die sowas schon öfter gemacht hatten? Jeden Windschatten und jede Windkante nutzen!“ Jetzt merkte ich, was die meinen. Ich wechselte auf die linke Seite. Da wuchsen Büsche. Auf der Autobahn Richtung Hafen war die Gegenrichtung nicht gesperrt und es war ein komisches Gefühl, den lauten Autos entgegen zu fahren und Auf- so wie Abfahrten zu nehmen. Einmal gab es auch eine Spitzkehre in die Gegenrichtung auf eine Autobahn Brücke. Mit Gegenwind wurden die Autobahnbrücken zu Bergen, das kam mir entgegen, denn im Wiegetritt den Berg hoch bin ich eindeutig besser als nur gegen den Wind. Viele der Überholten stemmten sich noch einmal auf und überholten mich wieder. Nach 500m sah man sie förmlich zusammenbrechen und nach hinten verschwinden. In der ersten Startgruppe wurde ich nur von einem Mann überholt. In einer anderen Startgruppe hätte das sicher nicht so ausgesehen. Am Hafen entlang nutzte ich wieder die linke Seite der Straße um wenigstens etwas von dem Wind verschont zu bleiben, der sich nun von rechts mit seiner vollen Last gegen mich zu lehnen schien. Helfer am Straßenrand standen vor den Absperrgittern um zu verhindern, daß die Werbebanner mitsamt ihren Befestigungsschienen auf die Straße geweht wurden. Immer wieder war ich der Überzeugung, daß ich sicher wegen dem Wind auf der Strecke noch stürzen würde. Eine Straßenbahnlinie und ich wechselten ständig die Positionen und ich wünschte, sie würde rechts von mir fahren – im Wind.

Nun war es nicht mehr weit bis um Ziel. Es ging ein wenig zickzack durch Bremen, und jede Wendung gegen den Wind brachte Leiden. Bis jetzt war mein Puls stetig über 170 Schläge geblieben. Eine Scharfe Linkswendung, es konnte nicht mehr weit sein, wurde ich von einer Schlaufe aus Absperrband gefangen. Ich hatte sie zu spät gesehen, und die Männer, die mit einem der Enden auf dem Gehweg hockten, hatten mich zu spät gesehen. Ihre Warnung „Achtung!“, war umsonst. Ich wollte darüber hinweg fahren, da wurde es hochgeweht und hielt mich auf der leicht abfallenden Straße mit Tempo 40km/h plötzlich fest. Es schleift durch meine rechte Armbeuge. Es brannte und die Zuschauer ließen ein: „Uh,... Ah.....“ hören. Ich konnte und wollte nicht loslassen, sonst wäre ich gestürzt. Ich brachte nur ein dummes „Das tut weh!“ heraus. Ich wollte das jetzt zu Ende fahren und war der Überzeugung, das blöde Band müsse doch endlich reißen. Ich sah herab. Ich blutete nicht. Das Gefühl kannte ich. Wenn ein Pferd einem einen Strick durch die Hand reißt, ist das genau so. Daran stirbt man nicht. Ich trad ins Pedal, und der Druck ließ nach. Wütend ließ ich Flüche hören und gab zum Besten, daß da jemand wohl eine tolle Idee hatte.

Die Wut gab Kraft. Feste antreten im Wiegetritt, wieder klein machen, unter der Unterführung durch, nach rechts in die Zielgerade, hochschalten, hochschalten, hochschalten. Sich denken: „Das gibt ein blödes Zielfoto mit einer Hand an der Schaltung.“

eva1

eva2Mehr ging nicht, und dann kam die Ziellinie. Norbert erwartete mich und sein Laufrad. „Wie war es?“ kam die Standardfrage, und aus mir raus nur wildes Gemecker und der Satz: „Da hätten die mich fast vom Rad geholt!“

Schnell hatte ich das Rote Kreutz ausgemacht. Dort konnten wir Kleidung und Räder lassen. Norbert bekam sein Laufrad und einen kurzen Report über die Strecke und ich ein fremdes Laufrad mit einem arg abgefahrenen Mantel mit dem Auftrag, das an "irgendjemanden"mit TCB Trikot wieder loszuwerden.

Ich ließ mich bei den Sanitätern versorgen. Die Rotkreuz-Jugend, die mich versorgen sollte, hatte Hemmungen, mich mit schmerzhaftem Desenfikationsmittel zu behandeln und brachte mich zu einer Ärztin, die eben diesen Auftrag gab. Ja! Nochmal argen Aua, sag ich nur. Danach sollte ich erstmal Duschen. Wütend berichtete sie, das sie keine desinfizierende Wundsalbe zur Verfügung hatten. Daß die Sponsoren und Organisatoren sich um alles kümmern, nur darum nicht. Die Duschen waren im ersten Stock über der Akkreditierung direkt auf dem Messegelände. Viele haben ihre Räder direkt bei der Akkreditierung stehen gelassen. Ich war alleine im Damenumkleidebereich. Nur einmal hörte ich Radschuhe herumtapsen, dann steckte ein Mann seine Nase um die Duschabsperrung und meinte beim zurückziehen nur feststellen zu müssen: „Ach das sind ja die Damen. Tschuldigung.“ Nach dem Duschen (keiner der Menschen in einem TCB Trikot wollte das Laufrad mitnehmen) bekam ich dann bei den Sanitätern noch eine Wundauflage und ein Strumpfgewebe, wie man ihn bei Sportveranstaltungen sieht, über den Ellenbogen gezogen.

Im Getümmel fand ich meine Freundin mit Kindern und Mann, und wir sahen noch wie Norbert von der Rampe düste.norbert1norbert4

In der Startgruppe waren alle voll mit Zeitfahrrad, Zeitfahrhelm und Zeitfahranzug ausgerüstet.

Als Norbert rein kam, regnete es und er mußte sich auf den Boden legen. Im Nachhinein wußte er nicht mehr wirklich viel über die Strecke und im Rennfieber war er nicht zum Trinken gekommen. Das rächte sich in Form von Kopfschmerzen. Ich sammelte unsere Transponder ein und tauschte sie gegen Finishermedaillen um. Im Nachhinein bemerkte ich, daß meine nicht richtig zusammengesetzt war. Das Band ist vom Skoda Time Trial aber die Medaille ist von der Skoda Mountain Challange in Tirol, einem anderen Rennen der Deutschland-Tour-Jedermannrennen.

Auch hier waren die Helfer alle nett wie eigentlich überall bei diesem Event. Keiner war im Streß, strafte vermeintlich dumme Fragen oder regte sich über Probleme auf, die nicht seine waren. Alle waren locker und hatten anscheinend Spaß daran, hier zu helfen. Dieses Verhalten schien sich im Verhalten der Teilnehmer zu spiegeln, auch hier gab es keine Nörgeleien oder Geschubse. Überall ging es geschäftig aber ruhig zu.

Ich stellte mich in den Pulk der vor den Ergebnislisten stand. Die Ergebnisse der Damen wurden gerade aufgehangen: Platz 25. AK 6. 33,11km/h Zeitfahren is halt nicht meins, aber immerhin war ich in diesem Höllenwind auf 35km genau so schnell wie sonst im geschützten Wahnbachtal auf 20km. Also alles in allem zufrieden, und es hat Spaß gemacht. Nun zu den Männern: Norbert Seewald Platz 7. AK 2. 44,06 später stellte er stolz fest das er nur 3 sec. langsamer war als der Profi Thomas Fothen (natürlich hatte der die Deutschland-Tour schon hinter sich). Wir hatten 10 min. vor der Siegerehrung und Norbert war noch am Duschen. Wenn es eine AK-Ehrung gab, dann mußte er sich jetzt beeilen. Die Siegerehrung am Nürburgring und in Lohmar hatte er schon verpasst. Ich rief ungeniert in den Herrenumkleidebereich rein, gab einen Report ab woraufhin nur die Antwort kamm: „Sch...! Hast du ein Handtuch dabei?“ Unglaublich. Ich hatte ihm vor der Abreise alles passend zusammengepackt, damit es keinen Streß gibt und jetzt??? Ich bin schon mal zur Tribüne rüber und Norbert folgte wenig später und sah verhältnismäßig trocken aus. Leider gab es nur eine Ehrung der Gesamtsieger Herren, Damen und der Deutschland-Tour. Ich war komischerweise noch in der Lage, auf einem computergesteuerten Rollentrainer bei Garmin eine Runde um das Sprinttrikot der Deutschland-Tour zu fahren. Danach kam ich allerdings kaum noch von dem Teil runter. Noch schnell das Laufrad weggebracht – und dann verbrachten wir noch einen schönen Samstagnachmittag und Sonntagvormittag in Bremen.

Muskelkater hatte ich nur von der ungewohnten Haltung an den Seiten der Taille. Hab mich sogar noch auf das Pferd meiner Freundin geschwungen und auch das ging trotz halbjähriger Reitabstinenz und Zeitfahren super. Nachmittags sind wir dann gemeinsam mit vielen Vattenvall-Cyclassic-Teilnehmern Nachhause gefahren. Es gab noch viel Regen und zähfließenden Verkehr, aber das trübt die Erinnerung an ein ereignisreiches Wochenende nicht.