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BERICHT: Vattenfall Cyclassics 2008

Geschrieben von: Holger Kremers.

logo_vattenfall_cyclassicsDie Vattenfall Cyclassics, dem einem oder anderen noch als HEW Classics bekannt, gehören für mich, 65€ Startgeld (ohne Pastaparty und T-Shirt) hin oder her, zu den mit am besten organisierten Jedermannrennen der Republik.

Aber das ist auch notwendig bei mehr als 20.000 Startern. Das damit grösste Jedermann-Rennen in Deutschland  bietet aber in dieser Hinsicht keine Angriffsfläche. Alles ist top durchorganisiert, selbst wenn etwas vergessen wird, reagiert der Veranstalter sofort.

Die Verpflegung ist sehr gut, nach dem Zieleinlauf erhält man von Bananen über Riegel bis hin zu Iso-Drinks (in Cyclassics-Trinkflasche!!) und Cola alles, was die hungrige und durstige Sportlerseele benötigt.

Eine große Anzahl von Massage-Plätzen steht bereit, Transponder können nicht nur an den zahlreichen Tischen abgegeben werden, der Veranstalter erkannte an den langen Schlange der Vorjahre, dass Handlungsbedarf ist und setzte sogenannte "Mobile Transponderabgaben" ein, die in großer Anzahl auf dem Platz verteilt waren.

Die Strecken-Absperrung während des Rennens lieferte auch kaum Grund zur Klage, lediglich einige wenige ungesicherte Verkehrsinseln im Verlauf grader Streckenabschnitte waren eventuell bedenklich oder zu mindestens fragwürdig. In diesem Jahr waren auch wirklich alle Schienen-Querungen im Streckenverlauf komplett fest verfüllt, sodass hier eine weitere Unfallquelle durch unachtsame Fahrer gebannt war.

Die Ausschilderung der Startaufstellung war wie immer sehr gut, bereits in den Unterlagen wurde jeder Starter informiert und auf der Startnummer stand dann auch nochmal der Startplatz in Form der Strasse, aus der gestartet wurde.

Die Unterlagen waren nicht überladen, aber informativ und ausreichend, neben einem kleine, sehr praktischem Infoheft befanden sich noch eine Trinkflasche im Cyclassics Design, Energie-Riegel, -Gel und Befestigungsmaterial für den Transponder im Startbeutel. Dass die Sicherheitsnadeln zur Startnummernbefestigung am Trikot vergessen wurden, hatte die Macher von Upsolut wohl auch schnell entdeckt, auf jeden Fall waren am Morgen des Starts im Akkreditierungs-Bereich eine ausreichende Anzahl von Mitarbeitern und Nadeln bereitgestellt worden.

Hier ging alles genauso reibungslos wie bei der Akkreditierung am Vorabend, selbst meine nicht mehr gefundene Anmeldebestätigung war kein Problem, alles bestens durchorganisiert und EDV-technisch unterstützt.

Alles in allem eine fast perfekte Organisation!

 

Mein persönlicher Giro:

 

Erst die nackten Fakten:

  • 155km

  • mehr als 4.000 Starter

  • Ergebnis: Platz 64 - 7 Sekunden hinter dem Ersten

  • Altersklasse Platz 28

Fazit: mein bisher bestes und erfolgreichstes Rennen

Aber:

Ganz von vorne

Nachdem ich im vergangenen Jahr mit den Kollegen aus Block M auf die 150km lange Strecke gehen musste, hatte ich mir den Start aus Block A "erfahren". Dazu war scheinbar ein mindestens 40er Schnitt notwendig, Marc vom Team Lexxi, der im vergangenen Jahr etwas mehr als eine Minute hinter uns ins Ziel kam, musste in Block B - Ihm fehlten 10 Sekunden :-(

Kollege Holger aus Frankfurt aber war nur knapp hinter mir ins Ziel gekommen und startet ebenfalls aus Block A. Wir hatten kurz überlegt, aus Block B mit Marc zusammen zu starten, aber der verfügte über deutlich besseren Tranings-Stand und ist im Verlauf des Jahres bereits ca 20 Rennen gefahren. Wir erwarteten, dass er vermutlich auf uns auffahren würde. Das bewahrheitete sich zu mindestens fast ...

Nach der Ankunft im Hotel aufhaben wir uns direkt die Räder geschwungen und machten uns raus aus der Stadt, vorbei am Holiday Inn, wo die Teamfahrzeuge der großen ProTeams standen und auf die Sportler aus Bremen (Zeitfahren der Deutschlandtour) warteten, in Richtung Deiche, wo wir dann insgesamt ca 50km gemütlich "radelten" um die Beine frei zu bekommen. Danach zügig duschen, um noch pünktlich zur Akkreditierung zu kommen. Wie schon geschrieben, habe ich die eMail mit der Anmeldebestätingung nicht mehr gefunden (zuviel wegsortiert??), aber das war kein Problem. Kurz mit dem Personalausweis an einen anderen Stand, schwupp, schon Ersatzbestätigung.

Pasta, Eis und Cuba Libre

Zur Pastaparty ging es dann rüber in die Springer-Passage zur Pasta-Party, was aber weniger einer Party als einer Massenabfertigung glich. Ok, es war alles sauber ordentlich, sehr organsiert und das Essen war soweit ok. Aber das war im vergangenen Jahr schöner, draussen auf dem Platz. Hatte mehr Atmosphäre, war aber auch nicht so "sauber organisiert". Aber gerade das macht ja manchmal eine Party aus :-)

Nach dem Essen wollten wir noch kurz über die Messe, aber hier war schon fast alles geschlossen. Also rüber ins ALEY am Jungfernstieg, noch ne kleinigkeit getrunken und gegessen - Portion Wedges und Eis - zur Belohnung dann noch eine Cuba Libre :-) Sünde muss sein...

Der Morgen vor dem Start

Nachdem ich morgens kaum etwas zu essen runter bekam (ich mag echt kein Brot mehr), machten wir uns um ca. 7:15Uhr auf die ca 3km lange Anfahrt zum Start. Auf der Reeperbahn fragte man sich dann doch, ob wir irgendwas falsch machen, hier gingen gerade die letzten nach Hause... oder noch woanders hin, wer weiß :-)

Im Startbereich verlief dann alles recht unspektakulär, nur die Atmosphäre war wieder mal einmalig... egal in welche Strasse man schaute... Radfahrer... über 20.000... geil. Alleine deshalb sind die Cyclassics immer wieder ein Erlebnis.

Start und "natürliche Auslese"

Um 8 Uhr erfolgte dann der Start des Block A, der in Blockzeit gewertet wurde, also alle gemeinsam beim Start, nicht nach Transponderzeit. Wie immer ging es zügig los, diesmal ließ ich mir aber Zeit und übertrieb es am Anfang nicht. Ohne allerdings den Kontakt zur Spitzengruppe zu verlieren. Holger verschwand irgendwo hinter mir im Feld, Ihn sollte ich erst später kurz wiedersehen. Irgendwo hinter uns musste eigentlich noch ein RVler starten, Christian Koch ebenfalls im Trikot des des Team RADON, aber ich wusste nicht wo.

Aufgrund mangelnder "natürlicher Auslese" in Form von Anstiegen blieb das erste Feld lange Zeit sehr groß und kompakt, entsprechend nervös waren auch die Aktionen im Bereich von Engstellen oder Kurven, es gab einige leichte Stürze, die aber meist glimpflich abgingen und alle direkt weiterfuhren, manchmal mit Materialschaden, aber körperlich soweit fit. Insgesamt hatte ich den Eindruck dass weniger passierte als im letzten Jahr, aber da kam ich auch von hinten durch das Feld, da sieht man mehr...(Leiden!?!? Elend?!?!? :-)

Michael Graben aus dem Team RADON-Cyclepower, einem anderen Team mit RADON als "Co-Sponsor", wünschte sich im Angesicht der grossen Gruppe, dass die Anstiege doch bitte etwas länger sein sollten, dem konnte ich nicht beipflichten... ich hasse Anstiege :-) Aber so nach und nach reduzierte sich das Feld, obwohl die Geschwindigkeit nicht sehr hoch war, am Schluss sollte ein knapp 42er Schnitt auf der Uhr sein. Holger hatte sich bei km 80 kurz noch mal bei mir gemeldet, ist dann aber abgerissen, wie ich später erfahren habe.

Krämpfe, Gel und andere komische Sachen

Ich hatte aber andere Sorgen: Eben ab dieser km 80 machten sich bei mir im Oberschenkel Krämpfe breit, jeder Antritt im Stehen machte sich mit heftigen Zucken in den oberen Oberschenkelmuskeln bemerkbar und zwang mich in den Sattel. Da allerdings lief alles bestens, die Beine waren frei, locker und in der Lage, auch ein noch höheres Tempo mitzugehen. Also immer schön Sitzen bleiben, Gel und Riegel "naschen" und hoffen, dass die Oberschenkel bis zu den Anstiegen nach Pinneberg wieder fit sind.

Das waren Sie dann auch fast, will heißen: Ich bin recht früh mit der Gruppe in den Anstieg, möglichst weit vorne, musste mich dann ein wenig durchreichen lassen (viele andere aber ganz!!) und konnte dann am Ende bei der Abfahrt wieder aufschließen. Beim letzten Anstieg war die Lücke etwas grösser und ich hatte Mühe, wieder zuzufahren. Ein Fahrer, der im Windschatten hinter mir hing, bemerkte, dass ich etwas kürzer trat und gab mit mit der Faust einen leichten Schubs von hinten, der ausreichte, um die Gruppe wieder zu erreichen. Leider hat es den armen Kerl ca. 2km später erwischte, sein Vorderreifen platzte :-)

Auf dem Weg ins Ziel

Ich aber fuhr in der ersten Gruppe, die sichtlicher kleiner geworden war, aber auch erheblich nervöser wurde je näher die Reeperbahn kam. Taktische Möglichkeiten im Kopf durchgehend wurde mir klar, dass ich mich unter den ersten 100-120 Fahrern befand. Mehr als ich erwartet hatte!!

Ziel musste jetzt sein, unter die ersten Einhundert zu fahren, um zu vermeiden, dass die von hinten aufgefahrenen Fahrer mit besseren Zeiten mich weiter nach hinten in der Gesamtwertung verdrängen, denn besonders schnell war das Rennen vorne ja nicht mit 42km im Schnitt. Die ersten 100 Fahrer werden aber nicht nach Zeit, sondern nach Zieleinlauf gewertet, aber dazu später noch eine Einschätzung.

Dann wurde es schnell, auf der Reeperbahn gaben wir Gas, hier links vorbei, da rechts durch, langsam schob ich mit weiter vor, gefühlte Mitte des Feldes. Einfahrt in die Zielgrade.... man ist das eng hier... kurzes Nachdenken ... soll ich reinhalten??... Quatsch, ich war weiter vorne als ich zu träumen gedacht habe, jetzt die Gesundheit riskieren...NEIN... hier noch durch die eine oder andere Lücke geschlüpft, Kraft war noch genug da.

Und durchs Ziel! Welcher Platz war mir erstmal egal, ich habe im grössten deutschen Jedermannrennen einen Platz unter den ersten 100 Fahrern! Wahnsinn!

Minimaler Aufwand - maximaler Erfolg

Um es für mich und die Nachwelt festzuhalten: Ich habe durchschnittlich 1,5 mal die Woche trainiert, insgesamt mit Rennkilometern 5.500km auf dem Rad, nicht mehr als durchschnittlich 20h/Monat, ohne einen koordinierten Trainingsplan und dann das... habe mich riesig gefreut!

Bin dann in den Bereich gefahren, wo eine ordentliche Verpflegung und Massage angeboten wurde, dort traf ich dann erst Holger, der scheinbar noch von Marc eingeholt worden ist, der dann auch noch zu uns fand. Zwischendurch noch ein kleines Schwätzchen mit Wolfgang von Challenge-Magazin, dann ging es rüber, um kurz was zu trinken und auf die Ergebnisse zu warten.

Und dann kamen Sie: Platz 64, nur 7 Sekunden hintern dem ersten! Marc war irgendwo Platz 334..., Holger auf Platz 453. Aber mal ehrlich, bei alleine über 4.000 Starter auf der 155km Strecke sind das immer noch beachtliche Ergebnisse.

Mehr als beachtlich war aber die Zeit von Christian Koch, der aus einem der hintern Blöcke, vermutlich M gestartet ist und die insgesamt drittbeste Zeit hingelegt hat und somit 103er wurde.

Wir machten uns dann auf ins Hotel, duschen, einpacken und auf nach Hause, das sollte noch eine Odyssee von Stau und Sperrungen werden :-(

Die ersten 100 nach Zieleinlauf - Sinn und Unsinn dieser Wertung

In Hamburg werden die ersten 100 Fahrer pro Strecke, die ins Ziel kommen, nach Zieleinlauf gewertet. Erst ab Platz 101 zählt die Zeit. Bei vielen anderen Jedermann-Rennen, z.B im Rahmen des German Cycling Cups werden die ersten 15 Fahrer nach Einlauf.

Das ist oft Stein des Anstoßes bei den Fahrern, die aus den hinteren Blöcken starten, weil Sie z.B. in Hamburg zum ersten Mal starten. Da behält sich die Organsiation vor, nur die in Hamburg gefahrenen Zeiten als Kriterium für die Blockeinteilung zu nehmen. Wer also zum ersten Mal dabei ist, muss nach hinten.

Pauschal betrachtet ist es natürlich erstmal nicht fair, einen schnellen Fahrer, der eine Superzeit fährt, in der Gesamtwertung schlechter zu werten als 100 Fahrer, die eben aus dem ersten Block gestartet sind, entsprechend früher da waren und deshalb ganz vorne sind. Aber eben eine schlechtere Zeit gefahren sind.

ABER: Wenn ich von hinten starte, finde ich in einem so grossen Starterfeld wie bei den Cyclassics immer jemanden, der bereit ist, gemeinsam mit mir nach vorne zu arbeiten. Ich kann also in kleinen Gruppen konstant nach vorne arbeiten. Vorne in der Spitzengruppe ist aber nur selten jemand bereit, nach vorne weg zu gehen, nur um sich zu verausgaben und dann später vom Feld überrollt zu werden. Ich habe ja keine Mannschaft um mich, mit der ich taktieren kann. Also hält man sich vorne zurück.  Sicherlich wäre der von hinten gestartete Fahrer auch in der Lage vorne mit zu fahren, aber eine Einteilung muss es geben und jede mir bekannte Lösung hat Lücken.

Somit scheint diese Lösung ein vernüftiger Kompromis, wenn auch sicherlich nicht der Wesiheit letzter Schluss. Bei dem grossen Feld sind die ersten 100 sicherlich auch eine angemessene Zahl. Kleinere Rennen, kleinere Zahlen, z.B 15.

Aber nächstes Jahr darf Christian dann auch nach vorne :-) Denn er war mit 3:38:38,17 und einem 42.23 Schnitt fast 5 Minuten schneller als der Erste. Herzlichen Glückwunsch.

Wenn alles gut geht, möchte ich 2009 wieder dabei sein - und meine Platz verteidigen - oder verbessern :-)