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Drei Tage im Sattel - Paris-Brest-Paris - 2015

Mein Abenteuer - Paris-Brest-Paris (PBP) vom 17. bis 19.08.2015


Manchmal hat man einfach Glück und es passt alles. Besser hätte der Saisonhöhepunkt 2015 nicht laufen können. Die Vorbereitung hat sich ausgezahlt, die Strategie als richtig erwiesen, das Wetter perfekt und das persönliche Ziel die 1.230km von Paris nach Brest und zurück in max. 3 Tagen, unter 70h zu schaffen ganz „locker“ mit 66h 42 Min erfüllt.


Wir, also Marc Jopek, Horst Sprenger und ich, sind uns sicher, dass die ca. 5.000 Starter am Sonntag PBP ganz anders „erlebt“ haben als wir.

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Die Atmosphäre am Nachmittag mit ca. 5.000 Startern und vielen Zuschauern ist nicht vergleichbar mit den wenigen Frühaufstehern am Straßenrand für die max. 1000 Starter am Montag früh 5:00 Uhr.


Die lange Schlange der 300er Starterfelder mit großen Gruppen die mehr als die ersten 200km gemeinsam rollen, gegenüber einer 20 Mann Gruppe mit der man bis zur ersten Kontrolle kommt um dann den Rest in der 3er Gruppe zu fahren.
Die schnellen Fahrer, die 48h ohne Schlaf, mit hohem Tempo an ihre körperlichen Grenzen und darüber hinausgehen. Sowie die langsamen Fahrer die eine, bzw. zwei Nächte, länger unterwegs waren als wir und nur sporadisch Pausen, teilweise im Gras am Straßenrand machten – von denen nicht wenige abbrechen mussten oder gar im Krankenwagen endeten. Zu uns, die ganz „locker“ mit 2x6h Ruhephasen drei schöne, entspannte 400er Touren erleben durften und dennoch in 66h 42 Minuten gefinisht haben.
Es war eine geile, kurzweilige, Tour die wie im Fluge verging und die Motivation auf „mehr davon“ weckte.
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Voller Vorfreude ging es am Samstagmittag los  -ab nach Paris – der legendäre Brevet ruft.
Marc einladen, Horst abholen und ab auf die Autobahn. Nach einigen Regenschauern sind wir ohne  Stau bei gutem Wetter abends in unserer Unterkunft in Maurepas angekommen. Zum Abholen der Startunterlagen und Radcheck um 11:00 Uhr am Sonntag und sind wir die 15km mit dem Rad zum Startbereich gefahren und konnten schon einen Teil der offiziellen Strecke kennen lernen.


Hier zeigte sich das erste Mal, dass der zusätzliche Starttermin am Montag um 5:00 Uhr ganz anders laufen wird als das Startfenster am Sonntag von 17:00 bis 21:30Uhr. Alles leer, keine Schlangen, egal das wir 15 Minute zu früh waren, rein, durch, raus – in 20 Minuten mit allem fertig. Auf dem Rückweg haben wir noch ein paar Kalorien gebunkert und dann zurück am Appartement die Räder startklar hergerichtet. Nummern, Licht und Ersatzschläuche dran sowie Packtaschen bzw. Rucksack packen. Um 17:00 Uhr schnell zum Start der ersten Gruppen. Wahnsinn was für eine Masse an Startern – auch wenn man von einigen Jedermannevents so große Starterfelder gewohnt ist – aber ein 1.230km Brevet?  Man erkennt auch sofort wer eher nicht gut durchkommt und bei den Spezialrädern waren nicht nur Liegeräder und Tandems, sondern auch eine Art „Stepper/Crosstrainer“ (ElliptiGO), d.h. die sind die Strecke mehr oder weniger gelaufen.

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Räder mit single speed (mit starren Gang) waren auch dabei – Respekt galt jedoch noch mehr den Teilnehmern mit echten Klassikern. Da sitzt dann so ein 75ig jähriger auf einem fast ebenso alten Rad mit einem Gang und finished…
Alle 15 Minuten gingen 300 Starter auf die Strecke. Das entzerrt, aber im Grunde haben manche Orte 3 Tage andauernd eine mehr oder weniger dichte Perlenkette an Radfahrern ertragen müssen. Besonders auch, weil die Strecke ja fast identisch zurückging.
Das ist aber eine der für mich herausragenden Erfahrungen: So extrem freundlich und hilfsbereit  wie die Zuschauer und Anwohner an der Strecke habe ich bisher noch nicht erlebt. Es hat kein einziger Autofahrer gehupt um sich zu beschweren, sondern wenn freudig gegrüßt oder um auf sich aufmerksam zu machen damit keinem was passiert. Bis auf ganz wenige Ausnahmen auch quasi keine riskanten Überholmanöver. Auch das kann bei den ca. 5.000 Startern am Sonntag anders abgelaufen sein als bei den knapp 1.000 am Montag.  
Einzig die Berufskraftfahrer fuhren recht zügig auf dem kurzen Teilstück Bundesstraße – aber auch hier würde ich behaupten, dass die gegenüber dem Verkehr in Deutschland noch rücksichtsvoll waren.
Überhaupt: Für einen Radfahrer alles perfekt organisiert und total entspannte Helfer.


Die Ausschilderung war auf der ganzen Strecke fast so gut wie bei einer RTF. Die Kontrollstellen waren alle mit warmen Essen und Getränken aber auch für die ohne viel Zeit mit einem Schnellschalter mit Getränken, Suppe und Baguette, ausgestattet. Das alles natürlich nicht im Startgeld enthalten, aber für kleines Geld verfügbar. WC, Dusche und Schlafmöglichkeiten waren auch an jeder Kontrolle – die haben wir jedoch nicht weiter kennen gelernt – wir hatten ja eine private Unterkunft in Loudeac klar gemacht.
Die „echten“ Randoneure haben das „natürlich“ alles nicht in Anspruch genommen. Die hatten ihre Route auf Papier oder im Garmin und haben sich an Restaurants selber versorgt. Diese Randoneure waren auch gut für die Nacht ausgerüstet mit Isomatte und Schlafsack. Viele Teilnehmer hatten nur eine Erste Hilfe Decke und erschreckend viele lagen einfach so am Straßenrand auf dem Bürgersteig oder im Gras – bei 6°C und Nebel! Keine Ahnung wieso man sich so was antut. Einen Teilnehmer haben wir gesehen wie er 10km vor Paris total unterkühlt von der Ambulanz vom Boden aufgelesen wurde.   
Ganz anders waren die „Rekordfahrer“ unterwegs. Mit Begleitfahrzeug und allem was man braucht um möglichst schnell, ohne lange Pausen oder gar Schlafen, durchzukommen. Offiziell war genau das nicht erwünscht, gab es doch extra ein mindest-Zeitlimit – aber das scheint nicht so wirklich ernst gemeint gewesen zu sein. Der ersten Pressemeldung nach wurde ein neuer Rekord mit 41h aufgestellt!  


Montagmorgen 3:00 Uhr klingelte der Wecker für uns. Anziehen, kurz was essen und etwas verspätet mit dem Rad los zum Start. Genau pünktlich zum Start waren wir dann auch startklar in der Box „Y“ für die Starter 5:15 Uhr. Aufgeregt? Nein – irgendwie einfach los und nicht wirklich drum kümmern was da alles kommen mag. Dann doch kurze Freude beim Startschuss und in den ersten 2 km von der Mitte des Feldes schnell bis nach vorne hinter das Führungsfahrzeug das uns die ersten 5km durch die Randgebiete von Paris geführt hat – es geht um jede Minute ;)
Da wir die ersten 15km schon kannten haben wir dann das Feld „sicher“ durch die ersten Kilometer geführt. Den ersten Anstieg hat man kaum war genommen aber die erste Abfahrt war schon toll.
Im Gegensatz zu mir hat sich Marc die komplette Strecke im Kopf gespeichert und konnte auf dem Rückweg zu jeder Stelle sagen mit wem wir wann, wo unterwegs waren, wie lange und steil die Abfahrt war die wir jetzt hoch müssen. Ich habe mir nur die nicht enden wollenden Wellen von Kilometer 100 an gemerkt. Wir hatten mal rund 100 Wellen mit 25 bis 100 Höhenmetern auf dem Hinweg geschätzt. Wikipedia teilt einem dann 360 Wellen insgesamt mit. Auf dem Rückweg haben die Horst auch zu schaffen gemacht. Immerhin hat man ca. 11.000 Höhenmeter auf die 1.200km – das ist wie im Bergischen mit 1.000Hm auf 100km Tour – nur das man auf den 1.200 km den höchsten Punkt auf 380 über N.N. hat und nur 3 „wirkliche“ Berge hin und entsprechend zurück hoch musste. Der Rest sind halt diese zermürbenden Wellen. Was des einen Leid, des anderen Freud: Für Marc war das wie gemacht – Mensch hatte der einen Spaß die kurzen Wellen „mal eben“ hoch zu drücken und dann die kurze Abfahrt mit über 50 km/h runter zu beschleunigen. Das hat der nicht nur auf der Hinfahrt genossen – da war er von uns der physisch und mental der Stärkste.
Bis zur ersten Kontrolle bei km 130 hatte sich die 300er Gruppe schon auf ca. 20 Fahrer dezimiert und bis dahin hatten Marc und ich nicht selten Führungsarbeit geleistet – nix mit einfach mitrollen.
Ich musste auf WC, Horst kam etwas später in der 2. Gruppe an und schon waren wir nach der ersten Kontrolle allein unterwegs. Das hat sich dann bis km 450 in Loudeac auch nicht wirklich geändert. Ein um die andere Gruppe haben wir aufgerollt, aber keiner blieb lange mit uns zusammen.


Auch der Rhythmus von Horst passte nicht wirklich zu dem von Marc und mir – weshalb Horst recht oft sein Tempo fuhr und dann 5 bis 15 Minuten nach uns an den Kontrollen eintraf.
Trotz der ganzen Starter waren wir erstaunt, wie wenige man auf der Strecke gesehen hat.
Rainer Paffrath vom ARA Köln war 15 Minuten vor uns gestartet und gleichmäßig, langsamer unterwegs, so dass wir ihn öfter getroffen haben und er am Ende dann ohne die langen Pausen ca. 4h schneller durch war als wir.
Es drohte kurz zu regnen – aber mehr als 30 Minuten leicht feuchte Straße gab es nicht. Die ganze Zeit fast ideale 20°C, leicht bewölkt und tendenziell leichter Gegenwind.
Um 22:00 Uhr waren wir dann mit 30iger Netto-Schnitt in Loudeac. Hier haben wir über einen Bekannten von Marc den Luxus eines nicht genutzten Sommerhauses mit der Schwiegermutter im Nachbarhaus als Gastfamilie genießen dürfen – keine 2km von der Kontrolle und kaum 500m von der offiziellen Strecke entfernt.
Die Krönung: Wir konnten ein Packet mit Essen und Klamotten vorab senden. Die Schwiegermutter hat uns Kaffee, Brot und Getränke bereitgestellt. Bad und Dusche sowie gemütliches Bett warteten auf uns. Da wir fast 1.5h schneller waren, für Dienstag „nur“ 330km vor uns hatten, konnten wir sehr erholsame 4h schlafen und gingen um 5:00 Uhr wieder auf die Piste.
Für den Kopf war der Tag die reinste Erholung. „Mal eben“ 170km Tour nach Brest und kurz zurück. Auf dem Teilstück konnte man dann erahnen wie viele Radfahrer unterwegs waren. Die ersten kamen schon zurück, entsprechend auf der Gegenspur ein um die andere Gruppe und Einzelfahrer, und auch vor & hinter einem zig Radfahrer. In Brest war die Kontrolle merklich voller und hätte man mehr als 30 Minuten für ein Essen anstehen müssen. Nachdem wir schon 30 Minuten warten durften um eine freie Toilette zu finden haben wir uns das dann erspart und den Schnellschalter für Baguett und Suppe genutzt.  
Da wir wieder in Loudeac übernachten wollten, konnten wir mit dem nötigsten Gepäck fahren und so mit einem 27iger Netto-Schnitt recht locker durchrollen. Aber: Nach fast 800km ist man dann doch nicht mehr ganz sooo entspannt – es wäre gelogen zu behaupten, dass das spurlos an uns vorbei ging – aber in Relation zu der Distanz und dem Leiden was man schon so auf dem Rad sah doch wirklich „locker“. Das Entspannungsbad hat Wunder bewirkt und sind wir relativ gut erholt um 1:00 Uhr wieder los auf die letzte Etappe.


Marc war noch ein wenig Müde, Horst haben wir überzeugen können, dass wir die letzte Etappe wirklich zusammen fahren und uns seinem Rhythmus anpassen und ich habe mich etwas verschätzt mit dem dicken Gang und kalten Beinen bergab Tempo zu bolzen. Das hat mir dann doch ein wenig Milchsäure beschert – hat aber ohne Krampf oder wirkliche Probleme bis Paris gehalten.
Ab Mittag hatten wir dann sehr schönes Wetter und Horst seinen Tiefpunkt. Verspannungen im Nacken und Taubheit im Arm machten die Bergauf Passagen für ihn zur Qual und musste er oft in den Wiegetritt gehen. Das waren auch die 4h in denen wir mal mit einer Gruppe zusammen gefahren  sind oder auch überholt wurden. Abhilfe mit Magnesium führte zum damit meistens verbundenen Abführeffekt. Zum Glück hatten wir den ganzen Tag über Rückenwind und hatte die Sonne erbarmen und brannte nicht so stark, dass es echte Probleme mit Sonnenbrand oder Dehydration gegeben hätte.


Zwei längere Pausen und gutes Essen sowie Salben und Abkühlung haben unseren Horst wiederbelebt und konnten so dann das vorletzte Teilstück wieder mit über 30iger Schnitt fahren. Damit war klar: Wir werden gut durchkommen und könnte vor 0:00 Uhr in Paris ein erreichbares, neues Ziel sein. Das mobilisierte an den letzten Anstiegen bei Horst ungeahnte Reserven und wir sind um 23:57 Uhr mit einem kurzen Freudenschub an der Radrennbahn angekommen. Gewertet wurde günstiger Weise der Transponder, denn der Eintrag im Kontrollbuch war dann erst um 0:05 Uhr.


Marc und ich sind dann nach einer weiteren Portion Nudeln mit dem Rad zurück zum Appartement – gegen die Rennrichtung und konnten so noch ein paar Leidensgenossen anfeuern. Horst habe ich dann noch mit dem Auto abgeholt bevor wir zufrieden einschlafen konnten.


Das erste Mal PBP wollten wir lieber sicher und gesund ankommen. Aber schon auf dem Weg zurück vom Ziel zum Appartement war klar: Wenn wir 2019 wiederkommen, dann mit dem Ziel unter 60h und mit der Strategie: Sonntagnachmittag starten, die andere Atmosphäre mitnehmen, die Nacht durch und 600km bis Brest in einem Rutsch. Nur 3h in Brest schlafen und dann mit möglichst wenig power-napping Pausen zurück nach Paris.

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